Von Anja Willner
Ich finde ja, wir sollten mehr aus dem russischen Alltag berichten. Oft sind es gerade die skurrilsten Erfahrungen, die so gut wie alle Russlandreisenden teilen und die auch Austauschstudenten erwarten. Zum Beispiel das mit der Heizung: In russischen Studentenwohnheimen, aber so weit ich weiß auch in den meisten Wohnungen, wird die Heizung zentral an- und abgestellt: Der Beginn der Heizsaison liegt meiner Erfahrung nach im September oder Oktober, das Ende der Saison im Frühjahr. Das klingt alles ganz nachvollziehbar, und wer in Deutschland zur Miete wohnt, dürfte mit dem Wort “Heizperiode” schon mal Bekanntschaft gemacht haben.
Der entscheidende Unterschied: In Russland haben die Heizungen kein Thermostat, mit dem man selbstständig die Temperatur regeln könnte. Wenn geheizt wird, wird eben geheizt. Die Heizung läuft also vom Spätherbst bis zum Frühjahr ununterbrochen, auch nachts. Wem es im Zimmer zu warm ist, der muss eben das Fenster öffnen.
Außer, wenn er im Studentenwohnheim wohnt: In meinem früheren Wohnheim in St. Petersburg (ich habe ein Semester an der journalistischen Fakultät der Staatlichen Uni studiert) wurden zu Beginn der Saison die Fenster “abgedichtet”. “Abgedichtet” heißt hier: Die Fenster (Einfachverglasung, Holzrahmen mit abblätternder Farbe – erinnerte mich doch sehr an unsere frühere Wohnung in Potsdam vor der ersten Renovierung Ende der 80er oder so) werden von ein paar Putzfrauen am Rahmen zugeklebt. Das hilft nur minimal gegen die winterlichen Stürme, die vom finnischen Meerbusen zur St. Petersburger Vassilyevsky-Insel herüberwehen, aber maximal gegen Frischluft. Wir konnten nur noch zwei Fenster im Zimmer öffnen, die in etwa die Größe eines handelsüblichen Wochenplaners hatten.
Was das schlimmste an der ganzen Geschichte ist: Man gewöhnt sich daran. Ein paar Monate lang bin ich, ohne mir groß etwas dabei zu denken, (Sauerstoff! Umweltsauerei! Ressourcenverschwendung! Hätte ich zum Beispiel denken können, wenn ich mir das nicht schnell abgewöhnt hätte.) jeden Tag mehrmals auf das Schränkchen neben meinem Bett geklettert, um durchs Fenster ein wenig Frischluft einzulassen. Die gibt es im Studentenwohnheim nämlich nur für Menschen, die größer sind als 1,63 Meter – zumindest im Winter.
Mal sehen, vielleicht schreiben wir ab jetzt mehr über die Seltsamkeiten des russischen Alltags. Stoff dafür haben wir alle genug, denke ich.