Tandemreporter Chennai
Mein Name ist Karl und ich studiere in Indien. Was, wie kann man nur in Indien studieren? Meist blicke ich zuhause in erstaunte Gesichter, wenn ich erwähne, dass ich einen Teil meines Studiums an einer Universität im südindischen Chennai verbringe. Hast du dir schon den Magen auspumpen lassen? Solche, oder ähnliche Fragen zeugen von großem Interesse, aber auch manchmal Unwissen über eines der spannendsten und größten Länder der Welt. Genau deswegen bin ich hier: Ich möchte mein eigenes Unwissen bekämpfen.
Es ist vielleicht ein eigener Kosmos an Farben und Gerüchen, wildem Durcheinander und grandiosem Chaos, ein Hupkonzert der Kasten und beißenden Gerüchen, eine Parade trötender Tempelkutschen, wuselnde Nackthunde und dazwischen Kinder, zahllose Kinder. Seit fünf Monaten bin ich nun im südindischen Chennai. Manch einer nennt es das „viertgrößten Moloch Indiens“. Moloch trifft es aber nicht so gut, dennoch liest man es in jedem Buch. Im Reiseführer steht in einer Infobox: „Tip: Chennai umschiffen!“ Doch diese Beschreibungen finde ich nicht trefflich. Und der Rat gilt nur für Pauschaltouristen. Ich lebe hier. Ein wenig Fremdkörper, ein wenig heimisch. Es ist mehr ein Ort der Orte, ein organisiertes Chaos, ähnlich einem Ameisenhaufen, dem Zusammentreffen von Menschen in schierer Endlosigkeit an Wandlungen und Wegen, die in verwinkelten Gassen, labyrinthisch ewig kein Ende finden. An einem Ort, wo auf Kreuzungen unzählige Menschen zusammenleben, die ihre Nischen besetzen und wie im urbanen Ökosystem ihr Überleben sichern -Faszinierend.
Wüsste man nicht von der rasenden Entwicklung dieser Stadt, könnte man denken, es ginge alles seinen Gang, wie seit vielen Jahrhunderten. Die wuchernden Slums Indiens, die nicht an die Kanalisation angeschlossen sind, stellen jedoch ein großes Problem dar. Durch den nicht abrechenden Strom der Landbevölkerung, die Ihr Auskommen in den Städten sucht, ist kein Ende abzusehen. Auch Luftverschmutzung, die Müllkippe am Meer, Überbevölkerung lassen einen erstaunen, ob der Gelassenheit und Freundlichkeit Ihrer Bewohner- sie kennen es nicht anders.
Wie in allen Metropolen Indiens besteht in Chennai ein großes Maß an sozialer Ungleichheit. Ein beträchtlicher Teil der Stadtbevölkerung lebt unter prekären Bedingungen: Nach der Volkszählung 2001 leben rund 750.000 Einwohner Chennais (18 Prozent der Bevölkerung) in Slums. Gleichwohl ist der Anteil der Slumbevölkerung aber noch deutlich niedriger als in Mumbai (49 Prozent) oder Kolkata (32 Prozent) Wenn man mit dem Vorortzug für 4 Rupien (6 ct) durch die Stadt fährt, sieht man diese Hütten, die auf Müll aus Müll gebaut sind. Dort leben Menschen, deren Alltag so anders sein muss, auch organisiert in Verbänden, dass man ihn sich kaum vorstellen kann. Regelmäßig werden diese Siedlungen mit einem Bulldozer aus dem Stadtbild getilgt, tauchen wohl aber nach einigen Tagen an selbiger Stelle wieder auf. Meist nah am Wasser gebaut, ist die schäumende Brühe so deutlich sichtbar, dass man sie sogar auf Satellitenbildern erkennen kann.
Nun wirken diese kalten Fakten zunächst schockierend. Wer nach Indien geht, der muss den Schritt ins Unbekannte wagen. Es erwartet ihn ein buntes Rätsel. Nun ist denn jeder Tag ein kleines Abenteuer. Man lernt aus Extremen. Man wird unglaublich interessiert aufgenommen und muss sich jeden Tag öffnen und sehen, fragen und verstehen. Akzeptieren, was vielleicht unmöglich ist. Wir sind in Incredible India- Hier heißt es immer neue Freundschaften zu schließen und von der Heimat zu erzählen, sich näher zu kommen und gemeinsam zu arbeiten, zu lachen und zu weinen. In Indien ist alles möglich. Wie man mit der Faszination der Vielfalt und der Extreme umgeht ist ein Lernprozess, der ein an persönliche Grenzen bringen kann. Man kann dabei viel lernen, oder sich verschließen und die andere Logik abwehren. Man muss bereit sein, anderen Menschen zu vertrauen und enttäuscht zu werden. Man muss die Kraft haben, es wieder zu versuchen.
Wer in Indien lebt, der durchreist auch die Zeit. An kaum einem anderen Ort prallen Altes und Neues so aufeinander wie hier. Der Alltag der Menschen wird von der Religion bestimmt und parallel ist sie der modernen Wissenschaft kein Hindernis. In der Heimat Gandhis treffen alte Traditionen auf die größte Demokratie der Welt und die Diktatur der Kaste. Das Land ist so vielseitig und spannend wie kaum ein anderes. Es verändert sich in rasender Geschwindigkeit. Dabei fühlt es aber sich doch auch an wie ein behäbiger Elefant. Als Wiege uralter Zivilisationen und ewiger Quelle von Weisheit und Philosophie übt es eine Faszination aus, die einen auf die Reise zu den eigenen Wurzeln schickt. In Indien kommt man vom Weg ab, um seinen Pfad zu finden. Ich lerne Indien zu hassen und zu lieben. Und ich lerne mich selbst zu hassen und zu lieben. Ich lerne, dass man nicht alles ändern kann. Ich lerne, dass ich mich ändern kann. Ich lerne, dass sich Indien ändert. Ich mag Indien nicht, Ich liebe es.

