In den anderthalb Jahren, die ich schon hier bin, ist die Baustelle Stockholm immer weiter gewachsen. Citybanan, neues Karolinska Krankenhaus in Solna, neue Aula für das Karolinska Institutet, Tegelbacken, Hauptbahnhof, bald auch Slussen – alles wird neu- oder umgebaut. Nur eines nicht. Studentenwohnungen.
In Stockholm gibt es etwa 80.000 Studenten und nur 12.000 Studentenunterkünfte. Seit 2009 wurde kein einziges neues Bauprojekt angefangen. Im Durchschnitt wartet man 2o Monate auf ein Korridorzimmer (mit einer mit 10 Leuten geteilten Küche) in einem Studentenwohnheim und dreieinhalb Jahre auf ein Zimmer mit eigener Kochnische. Die Verheißung, dass demnächst mitten in Stockholms Schicki-micki-Viertel Östermalm 80 neue Unterkünfte geschaffen werden sollen, ist ein Tropfen, der verdampft noch bevor er den heißen Stein erreicht. Um also in Stockholm igendwo unterzukommen, muss man – nennen wir es mal – “kreativ” werden.
So kreativ ist es eigentlich gar nicht. Hat man das nötige Kleingeld parat, kann man eine eigene Wohnung kaufen. “Gekauft” ist die Wohnung aber nur auf dem Papier, denn eigentlich gehört die Wohnung immer noch der Bank. Man zahlt nur etwa 20% des Kaufpreises und danach nur noch die Zinsen des Kredits an die Bank, zuzusagen statt Miete, entweder lebenslang oder bis man die Wohnung wieder verkauft.
Die monetäre Diät von ausländischen Studenten lässt diesen Luxus meist jedoch nicht zu. Da bleibt nur Untermiete oder Miete aus zweiter Hand (andra hand) und damit stürzt man sich in eine rechtliche Grauzone. Der Vertrag für das Zimmer, das ich zur Untermiete bewohne, ist von Hand geschrieben. Die Tatsache, dass ich hier wohne, ist zwar bei den Behörden gemeldet (was nicht selbstverständlich ist), Steuern aus den Mieteinnahmen zahlt mein Vermieter jedoch nicht. Wieso sollte er auch? Viel zu hoch und es macht eh keiner. Tatsächlich erschummeln sich sogar die Parlamentsabgeordneten immer mal wieder eine Wohnung für sich oder ihre Partner. Darüber wird sich dann zwar in den lokalen Zeitungen kurz aufgeregt, aber an den nicht-funktionierenden Miet- und Wohngepflogenheiten traut sich keiner zu rütteln.
Die Gegend, in der ich wohne, ist recht schön. Vor allem im Sommer, mit der Wasser überall. Die Wohnung an sich ist eigentlich auch ok. Nur der Vermieter hat sie in einen Saustall verwandelt. In der Küche steht statt eines Tisches ein Fahrrad und Computerschrott aus den 90ern. Aber daran habe ich mich schon längst gewöhnt. Seit Monaten bin ich die Einzige, die ab und an mal geputzt hat. Das ist ebenfalls nichts Neues, auch wenn weniger erträglich. Doch nun haben wir ein neues Highlight – ein Loch im Klo! Eines Morgens war es einfach da. Ein Loch in der Seite der Kloschüssel, als wäre es mit einem spitzen Gegenstand hineingeschlagen worden. Was beim Spülen passiert, kann sich jeder selbst ausmalen. Gut, dass die schwedischen Badezimmer einen schrägen Boden haben, sodass alles Wasser in ein Loch im Boden fließt. Dass sich etwas an der Situation ändern wird, wage ich zu bezweifeln, angesichts der Hingabe, mit der sich mein Vermieter um den Rest der Wohnung kümmert. Zwingen kann ich ihn zu nichts, da ich mich (und er sich sowieso) am Rande der Illegalität bewegen. Damit bleibt mir noch die restlichen drei Monate irgendwie durchzustehen. Denn für ein drittes Mal Wohnung suchen, umziehen, einrichten, hab ich im Endspurt meiner Master Thesis weder Zeit noch Kraft.

