Es ist ein bisschen wie auf offener See. Man sieht die Welle auf sich zukommen und hat grade noch Zeit zum Luft holen. Einatmen, anhalten, warten was passiert. Seit Monaten warte ich voller Vorfreude auf den Moment, in dem ich endlich ins Meer eintauche. Die Schwimmflügel lasse ich diesmal bewusst zuhause, ich habe doch geübt, ich kann jetzt selbst schwimmen.
Kaum wage ich mich ins Wasser, schon nimmt sie mich voll mit – die erste Welle Südafrika. Sie kündigt sich an mit der Orientation Week zwei Tage nach Ankunft. Viele internationale Studenten, noch mehr Regeln, ein Campus im Naturreservat, Affen vor der Mensa, zweifelhafte Zahlungsbedingungen und flache Studentenpartys mit Kopfschmerzgarantie. Südafrika steht nicht nur bei deutschen Rentnern hoch im Kurs, nein, die halbe Studentenpopulation Deutschlands scheint neben mir im Hörsaal zu sitzen. Ich verstehe die Sprache, nicht aber den Inhalt der Gespräche: Das Trinkwasser kann man ja hier nicht trinken, im Waschsalon an der Ecke ist das Bier 20 Cent billiger als im Supermarkt, die Wohnheime sind unter europäischem Standard, dafür genauso teuer. Die Mädels sind aber scharf hier, und habt ihr schon die Surfer entdeckt? Bei wem wird eigentlich heute Abend vorgeglüht, und sollen wir die anderen überhaupt einladen? Englisch sprechen ist immer so anstrengend. Eine Gruppe von Studentinnen der Sozialen Arbeit unterhält sich über das anstehende Praktikum in einem Kinderheim im Township. Rumlaufen kann man da ja nicht, viel zu gefährlich ist das Viertel rund um Erica House.
Stopp. Wir scheinen hier nicht auf einer Wellenlänge zu sein. Erica House? Das ist doch eine Straße weiter, fünf Minuten zu Fuß von meiner Haustür. Township? Nein. Nur weil nicht jedes zweite Haus einen Pool im Garten hat, sind wir noch lange kein Township. Es gibt Strom und Wasser, geteerte, breite Straßen und ein Shoppingcenter.
Ich muss mich zügeln, nicht gleich abzutauchen – es kann ja keiner was dafür. Dass internationale Studenten, die zusammengepfercht auf dem Campus wohnen, keine Transportmöglichkeiten haben und zum ersten Mal in Südafrika sind, andere Dinge beschäftigen als mich, vertraut mit diesem Land und seinen Leuten, der Stadt und der Kultur, ist natürlich. Vielleicht bin ich in manchen Aspekten sogar ein bisschen neidisch auf das sorgenlose Studentenleben. Um das billigste Bier muss ich mir keine Sorgen machen, denn ob ich – in einem muslimischen Haushalt wohnend- jemals eines in die Finger bekommen werde, ist fraglich. Statt mir zu überlegen, wie ich zur Spring-Break-Party in den angesagten Club komme, tüftle ich an einem Schlafplan für die nächste Woche: Safieyah ist krank und schnarcht, also schlafe ich Montag bis Freitag bei Mummy im Bett und schaue am Wochenende mal, ob ich ein ruhiges Plätzchen finde. Vom Salat im angesagten Café kann ich nur träumen, bei uns gibt es tagtäglich „proper food“: Viel Fleisch, viel Zucker, viel Fett.
Kurzzeitig ist der Sog so stark, dass ich gar nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Die Mutter einer Freundin von Mummy stirbt und auf der Beerdigung liegen mir Menschen in den Armen, die ich noch nie getroffen habe. Außerdem juckt es mich hinterm Ohr, ich kann aber nicht kratzen, weil mein Kopftuch so eng gebunden ist. Am nächsten Tag gehe ich nicht zur Willkommensparty des International Office – die Trauerphase dauert drei Tage. Drei Tage trauere ich verschleiert in einem fremden Haus um eine fremde Frau und tröste fremde Menschen, während meine Kommilitonen zu südafrikanischem House von Bar zu Bar hoppen und sich überlegen, wie gefährlich eigentlich diese ganze AIDS-Geschichte hier wirklich ist. Zwischendurch gibt es viel Fleisch, viel Zucker, viel Fett und wenig Schlaf. Meine High School-Klassenkameraden von damals organisieren eine Überraschungsparty, ein großes Wiedersehen, erzählen, zuhören, erzählen, erzählen. Es ist so toll, dass ich abends nicht mehr schlafen kann und zu verstehen versuche, warum die Zeit hier schneller zu laufen scheint als in meinem deutschen Umfeld. Wo kommen denn die ganzen Kinder und Ehefrauen und –männer her, wir gingen doch grade noch zur Schule? Zwischendurch klappere ich Opas und Tanten, Cousinen und Freunde der Familie ab – denn wer an Tag vier noch keinen Besuch von mir bekommen hat, fühlt sich vernachlässigt und ist beleidigt.
Es ist Nelson Mandela Day, das heißt ein Tag ehrenamtliches Engagement. Ich gehe mit Mummy zur Primary School an der sie unterrichtet, spiele, lese vor, lasse mir die Haare kämmen und das Gesicht abschlecken. Mein Emotionshaushalt ist enorm im Plus, ich weiß gar nicht mehr wohin mit dem Gefühlsüberschuss. Statt abends in meine WG zu kommen, bei einem Glas Wein den Tag ausklingen zu lassen und zu tun, wonach mir der Kopf steht, finde ich mich beim Abendessen kochen in der Chaosküche wieder, kontrolliere nebenher ob Naadiyah ihre Hausaufgaben gemacht hat und versuche Radio, Fernsehen und Playstation-Sound auszublenden, um der erhitzten Diskussion von Safieyah und Raees zu folgen. Aber so aufwühlend das auch alles ist, der Bauch sagt immer noch: herzlichen Glückwunsch, wie schön, dass du das alles hier hast und erleben darfst.
Beim Auftauchen hole ich tief Luft. Mir brennen Kehle und Augen, ich fühle mich durstig, hungrig und ausgelaugt. Einfach auf den Rücken legen und eine Weile tragen lassen, das ist jetzt genau das richtige. Die erste Welle ist überstanden und lässt das Gefühl zurück, etwas geschafft zu haben. Mitreißend und herausfordernd ist sie angerollt, hat mich einmal ordentlich durchgeschüttelt und ist dann so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht ist.
Die See ist trügerisch. Was jetzt am Horizont noch ruhig und flach aussieht, entwickelt sich zu Wellen, großen und kleinen, aggressiven und sanften, bis sie einen irgendwann am endlosen Ufer einholen. Es bleibt nur eins: Einatmen, anhalten, warten was passiert. Eintauchen, auftauchen, von der Strömung getragen werden, mal mit, mal gegen den Strom schwimmen. Das Salzwasser auf den Lippen schmecken, die Funkelsteine der Sonne auf der Wasseroberfläche zählen. Und sich immer wieder bewusst machen, dass es Mitschwimmende und Rettungsschwimmer gibt. Überall.
