Cricket in Indien: “It’s art, not sport”

von Adrian Kriesch

Ich mag Fußball. Fußball hat einfache Regeln. Okay, Abseits und indirekten Freistoß gibt’s auch, aber im Endeffekt muss das Runde ins Eckige. Ganz einfach.

Cricket ist Volkssport - scheinbar sogar bei den Hindugöttern (Foto: Carola Westermeier)

Beim Cricket im Chepauk Stadium in Chennai ist irgendwie alles anders. Irgendwie komplizierter. Das fängt schon beim Einlass an. Gefühlt jeder zweite Polizist Indiens erklärt mir einzeln, dass Kameras verboten sind. Nach etlichen Diskussionen der revolutionäre Kompromissvorschlag der TKKG-Abteilung Chennai: Akku in die Hosentasche, Kamera in die Kameratasche. Bei Zuwiderhandlung: Kamera weg plus Ärger.

Weiter geht’s im Stadion. Geschätzte 25 000 Menschen schauen sich heute das Spiel zwischen den Chennai Super Kings und New South Wales aus Australien an. Vorrundenspiel der Champions League Twenty20, ein internationales Cricketturnier. Ein „do-or-die“ Spiel, titelt die Times of India. Der Gewinner zieht ins Halbfinale ein. Cricket ist Indiens Nationalsport und dementsprechend gebannt blicken die Fans aufs Spielfeld. Ich blicke eher irritiert.

Mein Sitznachbar Ram merkt das natürlich und versucht zu helfen. Obwohl es 11 Spieler pro Team gibt, spielen hauptsächlich Bowler und Batsman gegeneinander. Der Bowler wirft den Ball so, dass ihn der Batsman vom gegnerischen Team nicht gut schlagen kann. Und der Batsman – endlich eine Regel, die ich durch eigene Beobachtung herausgefunden habe – drischt den Ball so weit er kann. Je weiter, desto mehr Punkte für sein Team sind drin. Naja, ganz so einfach ist es eben nicht, sagt Ram mit seinem gelben Chennai-Stirnband. Wenn ein Spieler den Ball aus der Luft fängt, dann ist der Schläger raus. Wenn hier, dann da. Wenn das, dann dies.

„Cricket ist eine Kunst und kein Sport“, hat mir Sargam gesagt, ein Student aus Delhi, den ich letzte Woche bei einem Fußballspiel kennengelernt habe. Jetzt weiß ich, was er meint. Und Sargam hat sich über die Cricketfans lustig gemacht, die sich von der Show mit Cheerleadern und Partymusik berieseln lassen und es kaum abwarten können, bei Facebook mit ihrem Stadionbesuch zu prahlen. Auch hier ist ein Funke Wahrheit dran.

Spätestens als nach weit über einer Stunde noch immer nicht die erste Halbzeit, Verzeihung, der erste Innings vorbei ist, fällt es mir schwerer die Augen offen zu halten. Mein neuer Freund Ram versucht sein Bestes mich mit Sandwichs und taktischen Erklärungen wach zu halten, doch Mitte des zweiten Innings ist der Ofen aus. Ich schnappe mir ein Tuk Tuk und verpasse so letztendlich einen Sieg der Australier. Versteht mich nicht falsch: Ich finde Indien super, die Menschen sind einfach klasse. Neue Kulturen und anderes Essen finde ich auch gut. Aber ich mag einfach Fußball.

Dieser Beitrag wurde unter In 14 Tagen um die Welt abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>