Auch wenn es in Stockholm nur knapp eine Million Einwohner gibt, so trifft man doch auf Menschen aus aller Herren Länder. Einige organisieren nationale Festivitäten und Märkte, einige couchsurfen und viele leben hier einfach. Und die wohl größte Vielfalt an Nationalitäten trifft man am Karolinska Institutet (KI).
Vor dem offiziellen Semesterstart letzte Woche hatte ich am Einführungstag für die neuen internationalen Studenten aller Programme am KI teilgenommen. Ich habe eine Campustour mit ihnen gemacht und dabei geholfen, eine kleine Party zu organisieren. Veranstaltet wurde das Event von den “Global Friends”, einer studentischen Organisation, die sich um die ausländischen Neuankömmlinge kümmert und ihre Sache, wie ich finde, ziemlich gut macht. Ich bin da zufällig hineingerutscht, weil ich in der Fachschaft, der Biomedicinska Utbildningssektionen (BUS), tätig bin, aber mittlerweile überlege ich mir auch aktiv bei den Global Friends mitzuwirken. Zwar habe ich bei der Campustour keine Biomediziner getroffen, dafür aber andere nette Leute kennen gelernt. Einer hat einen besonders interessanten Lebenslauf. Er kommt aus den USA, ist halbschwedisch und halbrussisch und irgendwie auch noch ein bisschen deutsch. Noch viel interessanter ist, dass er eigentlich eine Ausbildung zum Piloten gemacht hat, dann aber Reiki Master geworden ist und nun „Global Health“ hier am KI studiert, aber eigentlich Schauspieler werden will. Ich habe seine Stimmimitationen im Internet gefunden und war ziemlich beeindruckt. Als ich aus der Zeitung erfahren hatte, dass in Filmstaden, den ehemaligen Filmstudios, Tag der offenen Tür ist und auch ein Casting angeboten wird, sind wir natürlich hin… Wenn also bald ein neuer schwedisch-amerikanischer Filmstar geboren wird, weiß er, wem er es zu verdanken hat
Letzten Montag ging es mit der Uni richtig los, und zwar mit dem sogenannten “Roll call”, bei dem die Namen aufgerufen und die Anwesenheit vermerkt wurden. Anwesend waren aber nicht sonderlich viele meiner Kommilitonen. Ein paar waren noch nicht aus den Ferien zurückgekehrt und gut die Hälfte meiner Freunde hat es dieses Semester ins Ausland verschlagen (nein, Schweden ist nicht genug!). So fühlte es sich im Hörsaal ziemlich leer an und das gut drei Monate lang erwartete Wiedersehen fiel weniger stürmisch aus als gedacht.
Das Wochenende wurde überraschend ereignisreich. Zunächst hat spontanerweise eine ehemalige Heidelberger Kommilitonin bei mir Zuflucht gesucht. Sie war für ein Praktikum nach Stockholm gekommen und stand plötzlich ohne Dach über dem Kopf da, weil alle Hostels ausgebucht waren. Eine Nacht lang quetschten wir uns also in mein Zimmer, in dem man, sobald wir das Klappbett aufgestellt hatten, keinen Schritt mehr machen konnte. Es war aber schön, mit ihr über Stockholmer Sitten und Heidelberger Klatsch zu quatschen. Und am nächsten Morgen konnte sie auch schon in ihre neue Unterkunft einziehen. Tja, so geht das in Stockholm. An einem Tag ist man am Rande eines Nervenzusammenbruchs, weil man keine Bleibe hat, und einen Tag drauf kann man schon irgendwo einziehen und sich des Lebens freuen.
Am Samstag fand am KI ein Beachvolleyball-Turnier statt, organisiert von BUS, weil wir das letzten Sommer schon so toll hingekriegt hatten. Ich wurde kurzerhand zum Waffelmaster berufen. Seit ich ein Doppel-Waffeleisen bei mir in der Küche entdeckt und Freunde zum Waffelessen eingeladen hatte, werde ich ständig von unserem Vorsitzenden (wahlweise Chairman, Mr. President oder einfach nur Daniel) für solche Zwecke rekrutiert. Das Turnier wurde ein voller Erfolg. Eine bunte Mischung von Teams aus verschiedenen Studienprogrammen und mit Mitgliedern verschiedener Nationalitäten hatten sich zusammengefunden zu Volleyball, Barbeque und Waffeln und alle hatten sichtlich Spaß. Im Anschluss fand das Dinner der Global Friends für die internationalen Studenten statt. In Schweden wird ein Dinner in Form einer Sittning
durchgeführt. Man sitzt an langen Tischen, meist umgeben von bunt zusammengewürfelten Nachbarn. Einen unerlässlichen Teil des Abends stellt das Singen dar. Dazu liegen Gesangshefte bereit, aus denen man den Text ablesen kann, sobald man vom Toastmaster zum Singen aufgefordert wurde. Nach jedem Lied ruft man “Skål!” und trinkt sein Glas aus. Es gibt auch Variationen. Man kann zum Beispiel einen bestimmten Tisch zum Singen aufrufen oder man muss sich beim Trinken auf den Stuhl stellen oder nach dem Trinken das Glas über dem Kopf umdrehen, um zu zeigen, dass man wirklich ausgetrunken hat. Nach dem Essen folgt natürlich die Party. Eins ist sicher, die Schweden lieben Trinken und Freiern. Die internationalen Studenten können es aber auch ordentlich krachen lassen! Es war toll anzusehen, wie sich Leute spontan zu Limbo, Polonaise oder Massengruppenfotos versammelten.
Am Sonntag bin ich wieder einer meiner Lieblingsbeschäftigungen in Stockholm nachgegangen – Touris herumführen und für die Stadt begeistern, die ich selbst so ins Herz geschlossen habe. Nach dem Motto “die Welt ist ein Dorf” hatte ich Freunde von Freunden im Flieger nach Stockholm getroffen, die allerdings zum Wandern in den Norden Schwedens unterwegs waren. Nachdem sie sich zehn Tage lang bei schlechtem Wetter durch die Wildnis Lapplands gekämpft hatten, waren sie bereit für Vero’s Stockholm-in-5-Stunden-Tour bei strahlendem Sonnenschein. Wir waren natürlich an den
wichtigsten Sehenswürdigkeiten, wie dem Stadtshuset (Rathaus), wo die Nobelpreisfestivitäten stattfinden, und dem Kungliga slottet (Königliches Schloss) in Gamla stan (Altstadt), von dessen Terasse Kronprinzessin Victoria bei ihrer Hochzeit dem Volk zugewunken hat. Wir waren am von Schiffen gesäumten Strandvägen spazieren in Richtung Djurgården (Tiergarten), einer Insel mit den ehemaligen königlichen Jagdgründen, haben uns Stockholm vom Katarinahissen, einem Freiluftaufzug, von oben angeschaut und natürlich hatten wir auch ein bisschen Zeit für fika (Kafee trinken). Die Kaffeepause ist den Schweden heilig. Und da fika so ein wichtiger Bestandteil schwedischer Kultur ist und eine so lange Tradition hat, gibt es auch jede Menge Torten, Kuchen und Gebäcke aller Art, die dazu serviert werden. Es ist mir immer noch ein Rätsel, wie die Schweden es schaffen, bei so vielen leckeren Versuchungen so schlank zu bleiben. Ich hoffe, meinen Touris hat es in Stockholm gefallen und sie kommen wieder…
