Sie war so ziemlich alles in den letzten fünf Monaten: treue Begleiterin, mahnende Beraterin, Anlass zu Wut- und Freudenausbrüchen, beste Freundin und ärgste Feindin: meine To Do Liste.
Jetzt sitze ich hier, 50 Tage vor Abflug, und starre sie fassunglos an. Jedes Kästchen hat seinen Haken, alle roten Markierungen sind grün durchgestrichen, sämtliche Fragezeichen durch Ausrufezeichen ersetzt.
Moment, das ist doch wieder ihr alter Trick, den kenne ich schon. Da tut sie kurz so, als wäre unsere Beziehung beendet, nur um mir zwei Tage später wieder leere Kästchen und viele Fragezeichen an den Kopf zu werfen. Nicht mit mir, ich behalte sie im Auge!
Ich werde ein bisschen unruhig, so schlecht ging es ihr noch nie. Seit sage und schreibe sechs Tagen regt sie sich nicht, verlangt keine Aufmerksamkeit, hüllt sich in eine dünne Decke aus Staub und begnügt sich mit der dunkelsten Ecke meines Schreibtischs. Sie ist fertig mit mir, ich spüre es. Aber ohne eine letzte Nachricht lasse ich sie nicht gehen.
Meine liebe To Do Liste!
Dies ist ein Liebes- und Abschiedsbrief, Bilanz und Rückblick unserer gemeinsamen Erlebnisse zugleich.
Ich erinnere mich an unsere Anfangstage im August 2010: weiß, strahlend, unverbraucht und offen standest du vor mir. Genau zum richtigen Zeitpunkt bist du in mein Leben getreten, denn ich war motiviert, voller Tatendrang und hatte einen tollkühnen Plan im Kopf: ein Jahr Studium in Südafrika sollte es sein. Mithilfe deiner Unterstützung und deines Organisationstalents habe ich es doch tatsächlich geschafft, mich rechtzeitig für ein Jahresstipendium des DAAD zu bewerben. Ein harter Einstieg in unsere Beziehung, aber am Ende konnte ich doch alle Kästchen, die du mir aufgehalst hast, abhaken: nach Gesprächen im Akademischen Auslandsamt, Wahl der Wunschuniversität und des Studienganges, Sprachtests und Zeugnissen, Leistungsnachweisen und Motivationsschreiben und schließlich der Einladung zum Gespräch nach Bonn hatten wir die „Probezeit“ überstanden und mir wurde klar, dass sich unsere Beziehung zu etwas Ernstem entwickeln könnte.
Danach hattest du erstmal Urlaub, während ich mich einer Kommission aus gefühlten 20 Professoren und DAAD-Mitarbeitern stellte, die mir so lange Löcher in den Bauch fragten, bis ich selbst nicht mehr wusste warum ich wohin will, was ich dort mache und welchen Zweck die Sache erfüllt.
Scheinbar war die Kommission aber weniger verwirrt als ich und sorgte Ende Dezember dafür, dass du den Job deines Lebens an Land ziehen konntest: mit der Zusage des DAAD begann für uns beide die intensivste Phase.
Es gab Zeitpunkte, da bist du unter der Last leerer Kästchen fast zusammengekracht und die roten Markierungen stimmten dich depressiv. Die Bewerbung an der Nelson Mandela Metropolitan University (NMMU) war alles andere als einfach – obwohl wir hinter alle Leistungsnachweise, Abiturzeugnis, Anmeldegebühren und Anmeldeformulare ein Häkchen gesetzt hatten und die Post schon längst in Südafrika angekommen war, dauerte es Monate, bis die Zulassungsbestätigung endlich im Briefkasten lag.
“You have been registerd for the study period of July – November 2011, Faculty of Business Science“ stand da drin. JULI BIS NOVEMBER?! WIRTSCHAFT?! Äh, nee, wirklich nicht. Ich wollte doppelt solange bleiben und vor allem „Media, Communication and Culture“ an der Faculty of Arts studieren.
Mittlerweile hatte ich begriffen, dass Emails an den International Office (auch in stalker-artiger Häufigkeit) nicht zu Häkchen in deinen Kästchen führte. Wir mussten uns schnell etwas anderes überlegen, denn die Zeit wurde knapp und es standen zu viele Fragezeichen und rote Markierungen zwischen uns.
Es half nichts, wir fingen noch mal von vorne an. Diesmal wurden wir mit einer schnellen Bearbeitung belohnt und so konnte ich dir im April endlich ein Häkchen hinter „Zulassung NMMU“ schenken, und weil grade alles so gut lief auch hinter „Hinflug buchen“.
Allerdings haben wir dir auch gleich ein neues Kästchen auf den Leib tätowiert: „Südafrikanische Versicherung abschließen“. Ohne die, so hieß es im Zulassungsbescheid, werde man bei Ankunft nicht zur Einschreibung zugelassen. Dass ich über den DAAD bereits versichert bin interessiert die Uni nicht besonders, südafrikanisch muss es sein. Die Einzelheiten zur Finanzierung waren schnell mit dem DAAD geklärt, der Abschluss der Versicherung hingegen richtete sich eher wieder nach der südafrikanischen Uhr – alles dauert etwas länger, aber alles klappt immer irgendwie. Nach mehreren Anläufen war dann schließlich der südafrikanische Versicherungsschein im Emailpostfach, und wieder machte ein grünes Häkchen unser beider Leben einfacher.
Eine weitere Auflage des Zulassungsschreiben trübte unsere Freude aber sogleich wieder: internationale Studierende dürfen laut Uniregelwerk nur in „accredited accommodation“ untergebracht sein, also in Wohnungen, die von der NMMU organisiert werden oder universitätseigenen Studentenwohnheimen.
Dass ich aber bei den Ismails wohnen wollte, die während meines Schuljahres in Südafrika 2004/2005 zu meiner zweiten Familie wurden, das passte dem International Office überhaupt nicht. Erstaunlicherweise wurden Emails und Anfragen was dieses Thema angeht immer sehr schnell und detailliert beantwortet. In Bungalows mit anderen europäischen Studierenden untergebracht zu werden hörte sich für mich nicht wirklich nach Südafrika, sondern eher nach Party auf dem Campus an, und kam somit nicht infrage. Nach vielen vielen Mails, Briefen, Beglaubigungen und schriftlichen Statements von Seiten meiner Gastfamilie blieb dem International Office schließlich nichts anderes übrig, als die Alternativunterkunft zu genehmigen. Ich war so froh darüber, dass du, liebe Liste, diesmal nicht nur ein Häckchen, sondern ein dickes Herz dazu bekamst.
Für das Häkchen aller Häckchen, die dickste rote Markierung, das größte Fragezeichen nahmen wir all unsere Kraft zusammen und begannen die Mission „Visumsantrag“.
Es war ja nicht so, dass wir völlig unvorbereitet starteten, nein. Schon im Februar führte mich der Antrag für das verlangte polizeiliche Führungszeugnis ins Einwohnermeldeamt. Zudem freute sich nicht nur der Hausarzt über einen Besuch und das Formular der Botschaft, sondern auch der Radiologe, der meine Lunge röntgen und deren Unversehrtheit bescheinigen durfte. Nachdem die 800€ für Antragsstellung und Barhinterlegung aufgetrieben waren, die südafrikanische Versicherung nachgewiesen werden konnte und meine Zulassungsbescheinigung der Botschaft vorlag, machte ich leichtfertig ein kleines Häkchen hinter diesen Mammutbrocken, der unserem gemeinsamen Glück noch im Weg stand.
Als nur zwei Wochen später der dicke Rückumschlag per Einschreiben zurückkam, sah ich dich schon im Papierkorb und mich am Strand von Port Elizabeth liegen.
Ich schlug den Pass auf und fand: LEERE SEITEN.
Die beantrage Visumsdauer, so hieß es, würde nicht der eigentlichen Studienzeit entsprechen. Stimmt. Das Studium wäre Ende Juni 2012 beendet, ich hingegen wolle ein Visum bis Ende September beantragen, um Zeit mit meiner Gastfamilie zu verbringen und Südafrika zu erleben. Stimmt.
Dafür brauche die Botschaft innerhalb von sieben Tagen einen offiziellen Brief von mir, in dem alle Aktivitäten in Südafrika genau aufgelistet sind. Okay. Zudem bräuchten sie einen offiziellen Brief der Ismails, der bestätigt, dass ich dort wohnen kann, sowie eine beglaubigte Kopie der südafrikanischen Ausweise sowie eine Stromrechnung zum Nachweis der Adresse. WAS?! 7 Tage, knapp 10.000km, 2 Postunternehmen und die südafrikanische Uhr ließen mich stark daran zweifeln, das zu schaffen. Ich war kurz davor, dich in 1000 kleine Stücke zu zerreißen – als Bestrafung für diese vielen unvorhergesehenen Fragezeichen und Kästchen, die einfach unverschämt von dir waren.
ImLaufe der Zeit war ein kleiner Konkurrenzkampf zwischen uns entbrannt – ein letztes Mal konnten wir nun unsere Kräfte messen. Wer war der Stärkere, wer gewinnt? Würdest du es tatsächlich schaffen, mich am setzen der letzten Häkchen zu hindern und damit alles scheitern zu lassen? Kampflos Aufgeben war keine Option, soviel stand fest. Ich musste es wenigstens versuchen.
Und ich hatte die großartigste Unterstützung der Welt: die südafrikanische Uhr legte den Turbogang ein, die Ismails ließen alles stehen und liegen, um die Unterlagen rechtzeitig an die Post weiterzugeben, welche die 10.000 Kilometer in Rekordzeit überwand und dazu führte, dass ein freundlicher Mann in Gelb an Tag X gutgelaunt den Umschlag an meine Sachbearbeiterin der Botschaft übergab.
Jetzt sitze ich hier vor einer Flut abgehakter Kästchen und Kritzeleien auf einem kümmerlichen Blatt Papier. Von deinem Glanz aus jener Zeit ist nicht mehr viel zu spüren.
Es ist an der Zeit, Abschied zu nehmen. Eselsohren, Kaffeeflecken, Wutanfälle und Markerattacken haben dich schwer gezeichnet, dein Ende war nur noch eine Frage der Zeit.
Unsere Beziehung war von Anfang an nicht einfach, wir hatten gute und schlechte Zeiten und sind ein bisschen wie ein altes Ehepaar geworden, das nicht ohne einander kann. Bekanntlich soll man ja aber immer dann gehen, wenn’s am Schönsten ist.
Und deshalb: Bitte, bitte(!) geliebte Liste, ruhe nun in Frieden.
Deine Ina


