Und täglich grüßt Fukushima!

Man möge  „Alles ist gut“ sagen so oft man will, gut ist es derzeit nicht.

Seit März spielen die Medien verrückt und in Deutschland hatte ich eher das Gefühl, alles wird hochgepuscht. In Japan angekommen erfahre ich, dass hier im Gegenteil alles runter gespielt wird. Es fehlt einfach die goldene Mitte.

In Tokyo findet derzeit sehr schlechte Informationspolitik statt und viele Bürger sind verärgert über die Handlungsweise der Regierung. Denn das Fernsehen berichtet so wenig wie möglich über die derzeitige Lage.

Früher waren die Elektrizitätswerke Staatlich, sind im Laufe der Zeit aber privatisiert worden und haben ein Monopol gegründet. In diesen Institutionen blieben viele Politiker aus alten und neuen Regierungen  auf hohen Posten. Um den Posten und auch die Macht der Firma nicht noch weiter in den Abgrund absinken zu lassen, versuchen die Ranghöchsten im derzeitigen Regierungssitz, schlechte Nachrichten über Fukushima so spät wie möglich publik zu machen. Aus diesem Grund wurde die Kernschmelze, die bereits am 11. März stattgefunden hat, offiziell Mitte Mai bestätigt.

Gasablassungen, die radioaktive Partikel beinhalten, werden nicht im TV geäußert sondern erhalten einen kleinen Vermerk in den Tageszeitungen. Es bleibt einem nur das Internet, um an aktuelle Informationen zu kommen.

So habe ich dank eines Freundes von einem Blog des Herrn „Kawano Taro“ erfahren, der vieles aus erster Hand erfährt und es per Twitter an das Volk weiter gibt. Er versucht, die Denkweise der Japaner zu ändern und bemüht sich um Aufklärung.

Seltsame Entwicklung

Die Strahlung ist derzeit auf einem normalen Niveau in Tokyo. Ich schaue trotzdem jeden Tag auf unter diesem Link nach, um zu entscheiden, ob ich die Fenster offen lasse oder schließe.

Der obere Graph beschreibt den aktuellen Tag und der untere zeigt zum Vergleich letztes Jahr Dezember. Es gibt allerdings auch einen Graphen, der einem die Lage im Kraftwerk selbst anzeigt. So ist am 21. Mai die Strahlung plötzlich auf ein sehr hohes Maß gestiegen (von 49 Sv/h auf 200 Sv/h ) und hat viele Bürger, die das Internet als Informationsquelle nutzen, beunruhigt. Am nächsten Tag wurde diese Grafik gelöscht. Doch dies hat mehr Fragen aufgeworfen und Aufregung verursacht und so wurden die Werte wieder online gestellt.

Lebensmittel

Derzeit achte ich sehr darauf, was ich an Essen zu mir nehme. Denn auch wenn die Behörden sagen, alles ist unter der zulässigen Höchstgrenze, so meinen diese den jeweiligen Wert für ein Produkt. Dies bedeutet, wenn ich 1 Jahr lang Spinat esse, der knapp unter der maximal zulässigen Strahlungsgrenze liegt, wird mir Gesundheitlich nichts passieren.  Dies ist eine richtige Aussage! (Aber…) Wenn nur der Spinat aus dem Norden kommt und ich 1 Jahr alle anderen Lebensmittel aus dem Westen beziehe, brauche ich mich nicht zu sorgen. Fakt ist allerdings, dass viele Produkte aus dem Norden im Handel sind, deren Wert knapp unter der Grenze liegt und die deshalb in den Handel gelangen. Esse ich all diese Produkte in Kombination, so summiert sich der Strahlungswert und wird in meinem Körper gespeichert. „Schwuptiwup, gelangt man über die zulässige Grenze!“

Diese Aufschrift lädt nicht gerade zum Kauf anManche Supermärkte führen tatsächlich Eier aus Bodenhaltung - 6 Eier ca 2,80 €

(Verwirrendes Eierspiel im Supermarkt. Wärend die “Honest Egg” nicht gerade zum Kauf anregen, verschrecken die Bodenhaltungseier einen, mit fast 3 € für 6 Stück, vom Kauf! )

Im Supermarkt habe ich festgestellt, dass es keine Pflicht ist den Ursprungsort der Lebensmittel zu kennzeichnen. Ein Muss ist lediglich eine  Anschrift der Firma, die die Lebensmittel verpackt und versendet hat. Sollte man Beanstandungen oder Fragen haben, kann man sich an diese wenden. „Soll ich bei jedem Milch und Eierkauf die Verpackungsfirmen anrufen?“

Es gibt allerdings auch Lebensmittelproduzenten, die freiwillig den Ursprungsort der Lebensmittel etikettieren. So war ich heute sehr glücklich darüber, Milch aus Hokkaido, Kartoffeln aus Kyushu und Möhren aus Kyoto kaufen zu können (1 Liter Milch 4,5% Fett -> 2,20 Euro / ca 700g Kartoffeln 1,50 € / 4 kleine Möhren 1 Euro ).

Fastfood und Convinient Stores

Unter dem Motto „ Wir helfen Fukushima“ servieren derzeit einige japanische und auch ausländische Fastfoodketten Fleisch und Gemüse aus Fukushima (mindestens 40-50km vom Kraftwerk entfernt).

Es wird auch mit sehr günstigen Angeboten geworben und die Japaner gehen unbekümmert Essen, weil sie der Regierung vertrauen und denken, sie fördern Fukushimas Landwirtschaft.

Ich persönlich würde sagen, die teilnehmenden Restaurants und Convinient Stores kaufen die Ware zu einem spottbilligen Preis und verkaufen es an den Endkunden unter einem samariterhaften Thema!

Messungen haben allerdings ergeben, dass der Boden 60km nördlich von dem Atomkraftwerk Fukushima erhöhte Strahlenwerte vorweist, so dass Rindvieh und anderes Nutzgetier auf Rat der Regierung lieber im Stall bleiben sollte und kein Gras essen darf.  „… und wer versichert mir, dass sich die Leute daran halten? Es ist ja nur ein Rat der Regierung, keine Anweisung!  …“

Die Protestbewegung

Nun mag alles so klingen, als ob sich die Japaner in Tokyo keine Gedanken machen. Dies ist natürlich nicht der Fall. Es gibt ein paar, die genau wie ich aufs Essen achten (ich achte auf die Einkaufsgespräche der Japaner im Supermarkt) und auch eine Maske tragen, obwohl die Pollensaison vorbei ist.

Am Samstag war ich bei einer Demonstration vor dem Hauptsitz von TEPCO in Tokyo. Ein Gebäude, welches übrigens kaum auffällt und nur ein kleines „TEPCO Tokyo Zentrale“ Schild am Eingang hat. Es haben sich viele Leute versammelt und laut, aber friedlich mit rhythmischen Rufen und Plakaten protestiert. Die Sprachwahl hat mich allerdings sehr erstaunt. Statt zu rufen „ Öffnet den Weg für neue Energien“ riefen manche Leute:

„BITTE gebt auf“ (akeramete kudasai).

Demonstration im Mai ...zumindest fordern die Leute das

Das Thema Atomkraft geht alle etwas an! Soviel Aufwand! Mai - in Idabashi

Wer Interesse an mehr Bildern über die Demonstration hat, kann diese unter diesem Link einsehen.

Übringens gab es wie erwartet keine Berichterstattung im TV oder in großen Zeitungen.

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2 Antworten auf Und täglich grüßt Fukushima!

  1. Maik sagt:

    Hey Lana,

    ich glaube die goldene Mitte der Informationspolitik kann es nicht geben. Die fremden Länder sind übereifrig in der Berichterstattung und das Ursprungsland versucht seine Einwohner zu beruhigen.

    Funktioniert die Suche nach ‘guten’ Lebensmitteln? Ohne Kennzeichnungspflicht stelle ich mir es sehr schwer vor – wenn man auf ungekennzeichnete LM verzichtet schränkt man sich ja ordentlich ein. Bei uns geht gerade der EHEC Virus um, und laut einer Studie verzichten hierzulande schon 60% auf Gurken und Tomaten (vorzugsweise auf die aus Spanien) – prompt fiel der Gurkenpreis im Netto auf 33 cent.

    Die Aktion der FastFood-Ketten will mir trotzdem nicht in den Kopf: Wie kommerzgeil Risiken beiseite geschoben werden auf Kosten der Menschen o.O

    Naja ich wünsch dir viel Erfolg beim Einkaufen – werd ab September auch Gehversuche in Japan machen (DAAD Sprache und Praxis) und bin sehr auf die Stimmung im Land (insbesondere Tokyo) gespannt.

    Beste Grüße aus Dresden

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