Eine Woche voller Pfannkuchen

Alles ist im Umbruch, alles ändert sich. Ich stehe schon mitten im zweiten Semester meines Russland- und Eurasienstudiums, die erste Prüfung habe ich vergangenes Wochenende bereits geschrieben. Umgezogen bin ich auch, weg von der Wassilij-Insel mitten ins Stadtzentrum Petersburgs. Dort teile ich mir eine kleine WG mit einem russischen und einem französischen Mitbewohner. Mittlerweile sind es auch nicht mehr grausige -25 °C, sondern angenehme -10 °C, aber bei anhaltendem Sonnenschein.

Strahlend blauen Himmel hatten wir auch am Sonntag beim Maslenitsafest, dem letzten Tag der Butterwoche, die die Brücke zwischen Winter und Frühling schlägt. Diese Woche ist wichtiger Bestandteil russischer Kultur: Zwar geht die Butterwoche mit den dazugehörigen Traditionen auf heidnisches Brauchtum zurück; es ist eine Art Sonnenfest, mit dem man das Ende der kalten Jahreszeit begeht. Gleichzeitig aber markiert Maslenitsa den Beginn der russisch-orthodoxen Fastenzeit. Denn während der Butterwoche feiert man, isst Berge von Pfannkuchen, trinkt (unter anderem leckeres Honigbier) und tanzt bis die Fetzen fliegen.

Dabei hat jeder einzelne Tag der Butterwoche seine besondere Funktion und Bedeutung. Die meisten sind darauf angelegt, dass sich Verwandte treffen, Männer ihre Schwiegermutter bzw. Schwiegermutter in spe besuchen, und so weiter. Gegessen werden zu diesem Anlässen immer wieder Berge von Блины (Blini), russischen Pfannkuchen. Die goldig braun gebackenen Blini symbolisieren einerseits ganz heidnisch die Sonne, andererseits wie gesagt ganz christlich eine Phase der anbrechenden Fastenzeit. Für den fastenden Christen ist nämlich Fleisch und Fisch bereits verboten, Milchprodukte und Eier aber noch erlaubt. Und so langt man in Russland eine Woche lang noch einmal richtig zu, um sich dann auch von diesen Leckereien zu verabschieden und sich bis Ostern quasi vegan zu ernähren.

Am letzten Tag der Butterwoche wird der wichtigste Tag des Maslentitsafestes gefeiert. Dieser Tag ist zum einen bestimmt von Freude, was sich besonders in Tanz und Spiel ausdrückt. Vor allem aber ist es der Tag der Vergebung – idealerweise vergibt man einander all die kleinen und großen Fehler, die man im vergangenen Jahr begangen hat. Wenn man dann Streitigkeiten zwischen Freunden geklärt hat, den ein oder anderen schiefen Haussegen wieder gerade gerückt hat, kann man „gereinigt“ in die eigentliche Fastenzeit übergehen. Am Abend dieses Tages wird ähnlich dem deutschen Osterfeuer ein Maslenitsafeuer entzündet, auf dem dann allerdings auch eine lebensgroße Strohpuppe verbrannt wird und damit dem Winter sinnbildlich der Garaus gemacht wird.

Wir waren mit einigen russischen und internationalen Studenten gemeinsam in den südlich von Petersburg gelegenen Pawlowskpark gefahren, um uns dort Feier und Feuer anzusehen. Nach etwa fünf Stunden Pfannkuchenvöllerei und ausgiebigem Tanz mussten wir uns jedoch geschlagen geben. Blini, Honigbier, Tanz und Spiele ermüden schon ein wenig, besonders weil der Winter unsere Finger und Zehen gnadenlos durchfrieren lassen hatte. Die Puppe haben wir dieses Jahr also nicht mehr brennen sehen, vielleicht ist es noch ein wenig verfrüht, jetzt schon den Frühling auszurufen…

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