Im Radio hatten sie mehrfach einen länger anhaltenden Altweibersommer – Babje Ljeto – versprochen. Der kam dann zwar nach Petersburg, allerdings nur mit halber Kraft. So konnte es sein, dass man an einem Tag einen wunderbar warmen Tag genießen durfte, durch den Park auf der Elagininsel flanieren oder bestaunen konnte, wie die beeindruckenden Häuserfassaden entlang der Newa im Licht der Abendsonne so richtig zur Geltung kommen. Am nächsten Tag schon konnte alles wieder grau in grau erscheinen, regnerisch und sogar ein klein wenig deprimierend sein.
An solchen Tagen gibt es nichts besseres, als sich vor dem einsetzenden Schwermut in die russische Sauna zu flüchten. Die heißt hier Banja und ist viel mehr als einfach nur Sauna; Banja ist ein ganz spezieller Teil russischer Kultur und für manche Russen sogar so etwas wie Lebensart. Da ich noch nie in einer öffentlichen Banja war, fahre ich also mit meinen beiden Mitbewohnern am frühen Samstagmorgen hin. Ohne die beiden hätte ich die Banja nie gefunden, versteckt in einem Hinterhof und nur über lange Korridore zu erreichen. Als wir ankommen, wird im Umkleideraum der Banja bereits heftig diskutiert und an anderer Stelle ausschweifend philosophiert. Während in der einen Ecke Weisheiten über gesunden Lebensstil ausgetauscht werden, gibt es an einem zwischen den Umkleideschränken stehenden Tisch eine andere Gruppe Männer, die gerade ihr Wodkafrühstück zu sich nehmen. Die ganze Anlage sieht aus, als hätte sich jahrzehntelang nichts verändert, irgendwie steht hier die Zeit. In der Sauna selbst schwitzen wir, nur mit Filzhüten bekleidet, und hoffen darauf, dass der nächste Aufguss erträglicher sein möge als der letzte. Der beste – und für den für den Ausländer sicherlich seltsamste – Teil der Banjakultur ist der sogennante Wenik. So nennt sich das Bündel von Birkenzweigen, mit dem man sich gegenseitig die Poren offenschlägt. Um dabei die Hitze aushalten zu können, zieht man hierbei sogar Handschuhe an. Die Schläge mit dem Wenik prasseln mir so oft auf die nackte Haut, bis diese krebsrot und mit lauter kleinen Birkenblättern versehen ist. Es fühlt sich seltsam unbekannt und gleichzeitig gut an, aber der Sprung ins Kaltwasserbecken danach ist dann doch noch angenehmer.
Auch beim Eintrittpreis für die Banja hat man offenbar die Ankunft des Kapitalismus verschlafen, man zahlt hier schlappe 0,75 Euro pro Nase. Im Vergleich dazu zahlt man im Hallenbad bereits unglaubliche 13 Euro Eintritt. Verkehrte Welt, aber gut – wenn der Winter kommt werde ich wohl sowieso öfter schwitzen als schwimmen wollen…

Udo studiert an der Europäischen Universität in St. Petersburg, Russische Föderation.
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