Es ist schwer, die Eindrücke der letzten vier Monate in Worte zu fassen. Insgesamt habe ich eine sehr intensive Zeit verlebt; jede Minute war ausgefüllt durch Praktikum im Krankenhaus, Surfen, Capoeira-Training oder dem Hiken durch die wunderschöne Natur der Insel.
Geprägt hat meine Zeit in Brasilien wohl insbesondere mein Praktikum im Krankenhaus, da ich hier die meiste Zeit des Tages verbrachte: Zum ersten Mal in meinem Leben stand ich freiwillig um 6 Uhr morgens auf, nie bin ich so gerne morgens ins Praktikum gegangen: Dies mag zum Einen daran liegen, dass das gesamte Personal des Krankenhauses so unglaublich nett zu mir war: Durch die große Anzahl an deutschen Einwanderern im Bundesstaat Santa Catarina sprachen viele Ärzte ein paar Worte deutsch und freuten sich, ihre Sprachkenntnisse anwenden zu können bzw. mich über meine Heimat auszufragen. Zum Anderen machte die Arbeit aber auch Spaß, da die Assistenzärzte hier so unglaublich motiviert waren: Anders als in Deutschland oder in Frankreich freuten sie sich auch noch nach offiziellem Dienstende, wenn doch noch ein OP-Saal frei wurde und sie die noch anstehende OP doch durchführen konnten. Auch die berüchtigten 36-Stunden Dienste erledigten die Assistenzärzte bereitwillig. Vielleicht war Grund dieser bemerkenswerten Motivation auch die Tatsache, dass jeder Assistenzarzt zu Beginn der Ausbildung in Brasilien einen Eingangstest bestehen muss, welcher insbesondere für die chirurgische Ausbildung in Florianopolis ausgesprochen schwer sein soll. Diesen bestanden zu haben und Teil eines so tollen Teams zu sein, steigert natürlich auch den Ansporn ein guter Chirurg zu werden.
War schon in Frankreich weniger Hierarchie zwischen Oberärzten und Assistenzärzten zu spüren, so stand der Assistenzarzt in Brasilien sogar im Vordergrund: Alle OPs waren darauf angelegt, dem Assistenzarzt etwas beizubringen: So operierte meistens der Assistenzarzt selbst, während der Oberarzt Anweisungen gab und zur Not auch einsprang. Auch ich als Student durfte oft die Hautwunden zunähen, in der sog. “kleinen” Chirurgie führte ich selbstständig Biopsien von Hautkrebs-verdächtigen Muttermalen durch (gerade der Süden Brasiliens mit seinen vielen deutschen Einwanderern hat durch die vielen hellhäutigen Menschen und vergleichsweise hohe Sonneneinstrahlung eine hohe Melanom-Rate!), zog Fliegenlarven aus der Haut von Patienten und assistierte bei Samenstrangdurchtrennungen und Vorhaut-Entfernungen.
Insgesamt waren alle Ärzte extrem liebenswürdig und immer bereit, mir die verschiedenen Operationstechniken zu erklären und auch sonst mir alle möglichen Fragen zu beantworten. Nie bekam ich eine schnippische Antwort, was z.B. in Frankreich bei der einen oder anderen Ärztin mal vorkommen konnte. Man merkte eben, dass die Lehre hier einen extrem hohen Stellenwert hat.
Außerhalb des Krankenhauses gab es natürlich auch eine Menge zu unternehmen: Neben dem Capoeira wollte ich auch endlich wirklich surfen lernen: Barra da Lagoa, der Strand, an dem ich wohnte erwies sich hierfür als ideal: Die relativ kleinen Wellen waren perfekt dafür, das aufstehen zu üben. Trotz allem war aller Anfang schwer; ich brauchte ewig, bis ich das erste Mal einigermaßen auf dem Brett balancieren konnte. Bei meinen Startschwierigkeiten half mir vor allem eine Freundin, die auf der südlichsten Insel Japans aufwuchs und schon von klein auf surfte. Sie brachte mir vor allem bei, die Wellen richtig einzuschätzen, was beim Surfen von enormer Wichtigkeit ist. Nach fast täglichem Training konnte ich inzwischen immerhin schon von meinem großen Malibu Board auf ein wendigeres Shortboard umsteigen, mit welchem das Surfen sehr viel mehr Spaß macht. Eine meiner schönsten Erfahrungen war dabei, zusammen mit all meinen “Surfista”-Freunden aus Barra da Lagoa bei strömendem tropisch-warmem Regen surfen zu gehen – hierbei fühlt man sich der Natur sehr nahe.
Zusätzlich zu meinen täglichen sportlichen Aktivitäten versuchte ich auch, jedes Wochenende ein anderes Eckchen der Insel zu erkunden: Die Ilha da Santa Catarina bietet eine Menge toller Wanderwege, die Zugang zu teils ganz versteckten und menschenleeren Buchten bieten. Zusätzlich gibt es mehrere kleine Inselchen um Florianopolis, wie z.B. die Ilha do Campeche mit ihrem karibisch weißen Strand, zu denen man Ausflüge in Fischerbooten machen kann. Auch fuhr ich während der Faschings-Feiertagen nach Curitiba, um eine Freundin zu besuchen und mit dem Serra Verde Express durch die atemberaubenden Canyons des atlantischen Regenwalds zur Ilha do Mel, der Honiginsel zu fahren: Ein unvergessliches Erlebnis.
Es fällt mir schwer, diesen wundervollen Ort zu verlassen; meine brasilianischen Freunde in Coimbra haben nicht zu viel versprochen: Floripa really is paradise. Am meisten wird mir die relaxte Atmosphäre meines kleinen Fischerdörfchens fehlen, wo mir die Fischer “Boa Onda”, also “Gute Welle” zurufen, wenn ich frühmorgens mit meinem Surfbrett zum Strand eile, wo abends das ganze Dorf zusammenkommt, um mit vereinten Kräften die meterlangen Fischernetze aus dem Meer zu ziehen und wo ich ich fangfrischen Fisch und Garnelen direkt von den heimkehrenden Fischerbooten kaufen kann. Auch die über Praia Mole aufgehende Sonne und die tolle Morgenstimmung über der Lagune, die ich jeden Morgen vom Bus aus bestaune, werde ich vermissen. Am meisten “saudades” werde ich jedoch wahrscheinlich von all meinen neugewonnen Freunden in Barra da Lagoa sowie im Krankenhaus haben.
Viele Ärzte fragen mich, ob ich denn meine Assistenzarztausbildung nicht in Brasilien machen möchte. Die Versuchung ist natürlich groß; wer möchte nicht im Paradies wohnen und gleichzeitig mit einem so liebenswürdigem Team zusammenarbeiten. Trotzdem zieht es mich hierfür nach zu Hause zurück: Zwar sind die Chirurgen hier extrem kompetent und geschickt, was ich vor allem während meiner Zeit in der plastischen Chirurgie gemerkt habe.
Jedoch wird aufgrund mangelhafter technischer Ausrüstung nicht das gesamte Spektrum an chirurgischen Eingriffen abgedeckt, da viele Operationen in privaten Kliniken durchgeführt werden. So darf z.B. ein brasilianischer Assistenzarzt der plastischen Chirurgie zwar schon viel selbst operieren, wie z.B. Hauttumor-Resektionen und Otoplastien im 3. Ausbildungs-Jahr, Face-Liftings im 4. Jahr und Brustvergrößerungen sowie Brandwundenplastiken im 5. Jahr, jedoch wird im staatlichen Krankenhaus z.B. wenig Nervenchirurgie durchgeführt, welche für mich fast den spannendsten Bereich der plastischen Chirurgie darstellt.
Die Tatsache, dass der brasilianische Staat zwar kein Geld für eine angemessene technische Ausrüstung der Operationssäle sowie für gut ausgestattete Trauma-Zentren aufbringen kann, gleichzeitig aber in staatlichen Krankenhäusern durchgeführte Schönheits-Operationen finanzieren kann, ist eine der Ungereimtheiten, die mich am brasilianischen Gesundheitssystem stören. Auch geht mir die Trennung zwischen Arm und Reich gegen den Strich: So sollte doch ein Universitätskrankenhaus eigentlich einen der höchsten medizinischen Standards aufweisen und privaten Kliniken in nichts nachstehen, egal ob es “nur” Anlaufstelle der unteren Bevölkerungsschichten ist oder nicht.
Nichtsdestotrotz hat mein Praktikum in Florianopolis meine Begeisterung für die Chirurgie an sich und insbesondere die plastische Chirurgie nicht im mindesten beeinträchtigt: Die Kompetenz der plastischen Chirurgen und vor allem auch die Freude, mit der sie ihre Arbeit ausübten, hat mich noch in dem Wunsch bestärkt, den Weg der plastischen und rekonstruktiven Chirurgie einzuschlagen.
In diesem Sinne möchte ich mich herzlich beim DAAD, welcher mir meinen Auslandsaufenthalt durch die freundliche Unterstützung in Form des Auslandsstipendiums erst möglich gemacht hat, bedanken. Vielen Dank auch an alle Leser meines Blogs; ich hoffe, ich konnte einen kleinen Einblick in das Leben, die Kultur und die tägliche Krankenhaus-Routine Brasiliens geben.